Ist meine Katze ein Problemfall? Wenn Du ihr Verhalten nicht einschätzen kannst

von Christiane Skuza | Sep. 23, 2026 | Katzenverhalten, Katzenwissen | 0 Kommentare

Du hast seit 20 Jahren Deinen Führerschein, aber rückwärts einparken? Eine Katastrophe. Also nimmst Du noch einmal eine Fahrstunde und lässt Dir zeigen, wie es besser geht.

Du musst schließlich nicht erst dreimal gegen einen Poller fahren, bevor Du Dir Unterstützung holen darfst 😉.

Du hast einen Hund? Dann hast Du Dir vielleicht auch schon einmal Rat geholt, ohne dass gleich ein großes Problem dahintersteckte. Vielleicht ging es um den Rückruf, um Begegnungen an der Leine oder einfach um die Frage: Wie mache ich das eigentlich am besten?

Schließlich muss Dein Hund nicht erst bei jeder Hundebegegnung lautstark in der Leine hängen, bevor Du mit ihm zu einem Hundetrainer gehen darfst.

Und bei Katzen?

Da scheint die Schwelle oft erstaunlich hoch zu liegen. Katzenverhalten einzuschätzen ist schließlich nicht immer einfach. Trotzdem denken viele erst dann über fachlichen Rat nach, wenn aus einer kleinen Frage längst ein größeres Problem geworden ist.

Wer eine Katzenverhaltensberaterin um Rat fragt, dessen Katze muss doch ein echtes Problem haben. Sie macht seit Wochen aufs Sofa, greift ihre Menschen an oder zwei Katzen können kaum noch gemeinsam in einem Raum sein.

Aber muss es wirklich erst so weit kommen, bevor wir uns Unterstützung holen?

Oder anders gefragt:

Muss eine Katze überhaupt ein „Problemfall“ sein, damit es sinnvoll ist, sich fachlichen Rat zu holen?

Zwei Somalikatzen im Wintergarten

Eigentlich ist die Katze gar nicht das Problem

Ich mag den Begriff „Problemkatze“ nicht besonders. Denn er macht aus der Katze selbst das Problem. Dabei gibt es zunächst einmal ein Verhalten, eine Veränderung oder eine Situation, mit der ihr Mensch nicht gut zurechtkommt oder die er nicht einordnen kann.

Und was als Problem empfunden wird, ist sehr unterschiedlich.

Wenn eine Katze morgens um fünf lautstark ihr Frühstück einfordert, findet der eine Mensch das ausgesprochen nervig. Der andere dreht sich noch einmal um und schläft weiter.

Wenn zwei Katzen zwischendurch miteinander raufen, gehört das in einem Haushalt ganz selbstverständlich dazu. In einem anderen sitzt der Mensch daneben und fragt sich jedes Mal besorgt, ob aus dem Spiel gerade Streit geworden ist.

Nicht jedes Verhalten, das uns stört, ist automatisch problematisch. Und nicht jedes Verhalten, das uns nicht stört, ist deshalb automatisch unproblematisch.

Genau deshalb finde ich eine andere Frage viel interessanter: Muss überhaupt erst ein großes Problem entstehen, bevor es sinnvoll ist, sich fachlichen Rat zu holen?

Ich finde: nein.

Du musst nicht warten, bis aus einer Frage ein Problem wird

Es gibt die Situationen, bei denen ziemlich schnell klar ist, dass etwas getan werden sollte:

  • Eine Katze wird plötzlich unsauber.
  • Zwei Katzen, die jahrelang friedlich zusammengelebt haben, gehen sich auf einmal aus dem Weg oder geraten immer häufiger aneinander.
  • Eine Katze reagiert plötzlich aggressiv auf Berührungen.

Aber längst nicht jede Frage rund um Katzenverhalten beginnt mit einem solchen Ausrufezeichen.

Manchmal ist es tatsächlich nur ein Fragezeichen.

  • Warum miaut meine Katze in letzter Zeit so viel?
  • Ist das eigentlich noch Spiel zwischen meinen Katzen oder sollte ich eingreifen?
  • Warum wartet eine meiner Katzen immer, bis die andere gefressen hat?
  • Weshalb benutzt sie plötzlich einen bestimmten Schlafplatz nicht mehr?
  • Und warum funktioniert etwas, das jahrelang selbstverständlich war, auf einmal nicht mehr?

Natürlich muss nicht hinter jeder kleinen Veränderung ein großes Thema stecken. Katzen verändern Gewohnheiten, entdecken neue Vorlieben und reagieren auf Veränderungen in ihrem Umfeld. Nicht jede Auffälligkeit braucht eine verhaltenstherapeutische Maßnahme.

Aber genau das ist ja manchmal die Frage: Ist das überhaupt auffällig?

Wer seine Katze jeden Tag erlebt, kennt sie sehr gut. Gleichzeitig kann gerade diese Nähe dazu führen, dass es schwer ist, eine Situation von außen zu betrachten. Man grübelt, googelt, fragt Freunde, probiert etwas aus und landet irgendwann bei fünf verschiedenen Erklärungen und sieben verschiedenen Tipps.

Eine fachliche Einschätzung kann dann dabei helfen, die gehörten und gelesenen Dinge zu sortieren und vor allem einzuordnen, was davon für die eigene Katze und ihre Situation überhaupt relevant ist.

Manchmal führt der erste Weg nicht zur Verhaltensberatung

Wenn sich Verhalten verändert, gehört für mich immer auch die körperliche Gesundheit mit ins Bild.

Eine Katze, die sich plötzlich nicht mehr gern anfassen lässt, ist nicht zwangsläufig „zickig“ geworden. Wenn sie weniger spielt, muss ihr Spielzeug nicht langweilig geworden sein. Und wenn eine ältere Katze nachts häufiger ruft, ist das nicht automatisch eine neue Marotte, mit der ihre Menschen nun leben müssen.

Schmerzen und Erkrankungen können Verhalten verändern. Und Katzen sind ziemlich gut darin, körperliche Beschwerden nicht so deutlich zu zeigen, wie wir Menschen es uns wünschen würden.

International Cat Care hat einige mögliche Anzeichen für Schmerzen bei Katzen zusammengestellt.

Deshalb kann eine fachliche Einschätzung auch zu dem Ergebnis führen: Bitte lass das zuerst tierärztlich abklären.

Das ist keine enttäuschende Antwort und auch kein Zeichen dafür, dass die Anfrage bei einer Verhaltensberatung falsch war. Im Gegenteil. Eine gute Einschätzung bedeutet für mich nicht, zu jedem Verhalten möglichst schnell eine Trainingsidee aus dem Hut zu zaubern. Es geht vielmehr darum, hinzuschauen, Zusammenhänge zu erkennen und zu überlegen, welcher nächste Schritt für diese Katze sinnvoll ist.

Manchmal liegt dieser nächste Schritt eben in der Tierarztpraxis.

 

Somalikatze liegt auf dem Sofa

Nicht jede Frage braucht eine wochenlange Beratung

Ich glaube, auch das hält manche Menschen davon ab, sich Unterstützung zu holen.

„Verhaltensberatung“ klingt schnell nach einem großen Projekt. Fragebogen ausfüllen, Videos drehen, Wohnung analysieren, mehrere Termine vereinbaren, wochenlang Maßnahmen umsetzen. Und das alles zusätzlich zum eh schon so vollen Alltag.

Und ja: Es gibt Situationen, in denen genau das nötig und sinnvoll ist.

Wenn zwei Katzen seit Monaten in einem ernsthaften Konflikt stecken, wenn sich problematisches Verhalten bereits stark gefestigt hat oder wenn viele Faktoren zusammenspielen, lässt sich das nicht verantwortungsvoll in einem kurzen Gespräch lösen.

Dann möchte ich die Katzen, ihre Geschichte, ihren Alltag und ihr Umfeld wirklich kennenlernen. Veränderung braucht außerdem Zeit und manchmal auch mehrere Anläufe.

Aber es gibt eben auch die anderen Fragen.

Die, bei denen jemand gar keinen fertigen Maßnahmenplan braucht, sondern erst einmal wissen möchte: Wie schätzt Du als Expertin das ein?

  • Was könnte hinter diesem Verhalten stecken?
  • Muss ich überhaupt etwas verändern?
  • Was sollte ich als Nächstes beobachten oder abklären?
  • Ist das etwas, bei dem ich selbst mit einer kleinen Veränderung weiterkomme?
  • Oder steckt hier doch ein größeres Thema dahinter?

Eine Stunde kann keine umfassende Verhaltensberatung ersetzen. Sie muss es aber auch nicht.

Manchmal reicht eine fachliche Einordnung, damit aus einem großen Fragezeichen ein deutlich kleineres wird.

 

Früh fragen heißt nicht, überall Probleme zu suchen

Nun könnte man daraus natürlich den Schluss ziehen, dass wir ab sofort jedes ungewöhnliche Miauen und jeden neu gewählten Schlafplatz unserer Katzen analysieren sollten.

Bitte nicht 😉.

Mit einer Katze zusammenzuleben darf sich immer noch nach Zusammenleben anfühlen und nicht nach einer täglichen Verhaltensstudie.

Es geht auch nicht darum, hinter jeder Veränderung sofort eine Erkrankung oder ein beginnendes Verhaltensproblem zu vermuten. Aber wenn Dir etwas immer wieder auffällt, wenn Du Dich mit einer Situation unwohl fühlst oder wenn dieselbe Frage seit Wochen in Deinem Kopf herumspukt, gibt es keinen Grund, mit dieser Frage so lange zu warten, bis daraus tatsächlich ein großes Problem geworden ist.

Denn Verhalten entsteht nicht im luftleeren Raum. Katzen lernen aus Erfahrungen. Gewohnheiten entwickeln sich. Im Mehrkatzenhaushalt können sich ungünstige Dynamiken einschleichen. Und manchmal verändern wir Menschen unseren Alltag längst rund um ein Verhalten herum, ohne überhaupt noch wahrzunehmen, wie viel Raum es inzwischen einnimmt.

Früh nachzufragen bedeutet deshalb nicht, eine Katze zum Problemfall zu erklären.

Es bedeutet zunächst einmal nur: Ich möchte verstehen, was hier gerade passiert. 

 

Und wann ist Unterstützung nun sinnvoll?

Darauf gibt es keine universelle Antwort.

Du musst weder eine bestimmte Anzahl schlafloser Nächte gesammelt noch drei Sofakissen entsorgt haben, bevor Deine Frage berechtigt ist.

Wenn das Verhalten Deiner Katze ihr eigenes Wohlbefinden beeinträchtigen könnte, wenn andere Katzen oder Menschen darunter leiden oder wenn sich Verhalten deutlich verändert, solltest Du genauer hinschauen. Das gilt ebenso, wenn Du schon verschiedene Dinge ausprobiert hast und nicht weiterkommst.

Aber Unterstützung kann auch früher sinnvoll sein. Dann, wenn Du nicht weißt, wie Du eine Situation einordnen sollst. Wenn Du widersprüchliche Informationen gefunden hast. Wenn Du verhindern möchtest, dass sich eine ungünstige Situation weiter festigt. Oder schlicht dann, wenn Du gern eine fachliche Meinung dazu hättest.

Und manchmal kommt am Ende eines solchen Gesprächs heraus, dass gar kein großes Eingreifen nötig ist.

Auch das ist eine gute Nachricht, oder?

Denn Du hast Dir Rat geholt, bevor Du dreimal gegen den Poller gefahren bist 😉. 

 

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Über Katzenlächeln

Ich bin Christiane – Verhaltensberaterin für Katzen und Gründerin von Katzenlächeln.

Ich begleite Dich dabei, das Verhalten Deiner Katze wirklich zu verstehen – im Alltag, bei Unsicherheiten oder wenn sich etwas verändert.

Dabei geht es nicht um schnelle Tipps, sondern um Verständnis, Zusammenhänge und Lösungen, die im Alltag funktionieren.

Ein besonderer Herzensbereich meiner Arbeit ist das Leben mit Seniorkatzen.

Hier findest Du Orientierung und Impulse für ein achtsames Miteinander – ein ganzes Katzenleben lang.


 

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